Das lebende Unternehmen

Als ich mich das erste Mal (2009) mit der Frage auseinandersetze, wie Unternehmen aufgebaut sein müssen, damit die von Larry Greiner beschriebenen Unternehmenskrisen verhindert oder zumindest abgemildert werden können, stieß ich auf ein sehr interessantes Buch von Arie de Geus mit dem Titel The Living Company (Affiliate-Link). In diesem postuliert de Geus die Idee, dass Unternehmen eine Art Organismus sind. Dieser Annahme folgend ergeben sich interessante Ansätze Unternehmen besser zu verstehen.

Lebensfähigkeit

Fast jeder, der sich mit dem Thema Gründung beschäftigt wird mit Aussagen über das Risiko ein Unternehmen zu gründen konfrontiert. So beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass ein gegründetes Unternehmen nach 10 Jahren noch am Markt ist nur 10 %. Das heißt, von 10 neu gegründeten Unternehmen ist nur noch ein Unternehmen nach 10 Jahren am Markt. Alle anderen wurden aufgegeben, sind insolvent oder wurden verkauft. Demgegenüber stehen diejenigen Unternehmen, welche im Rahmen eines Generationenwechsels auf der Strecke bleiben. Die genannten Statistiken hierzu sind ebenfalls, aus meiner Sicht, erschreckend und hinsichtlich des Ansatzes von de Geus nicht akzeptabel. In Abbildung 1 habe ich versucht, sämtliche mir vorliegenden Daten bzgl. der Lebenserwartung eines Unternehmens in eine Grafik zu packen. Der Verlauf der Kurve verweist auf eine ungesunde Entwicklung. Welche uns als Gründer und vor allem als Gesellschaft zu denken geben sollte.

Überlebensrate von unternehmen

Abbildung 1 Lebenserwartung von Unternehmen über einen Zeitraum von 100 Jahren

Nimmt man die in Abbildung 1 genannten Daten zur Hand, so stellt man fest, dass es 200 neugegründete Unternehmen benötigt, damit ein einziges Unternehmen, statistisch gesehen, noch nach 100 Jahren am Markt ist. Folgt man dem Ansatz von de Geus, so entspricht dies einer sehr geringen Lebenserwartung. Nach de Geus betrug die durchschnittliche Lebensdauer im Jahr 1980 rund 40 Jahre. Diese fiel laut Salim Ismail auf 15 Jahre im Jahr 2013. Vergleicht man diese Zahlen mit der durchschnittlichen Lebenserwartung eines Menschen mit rund 79 Jahren[1], so sind die genannten Zahlen eher ernüchtern. Vor allem angesichts dessen, dass wir als Menschen im Laufe der vergangenen 100 Jahren die Lebenserwartung unter anderem dank Medizin und Technologie von ursprünglich rund 45 Jahren auf heute rund 79 Jahre nahezu verdoppelt haben[2].

Dieser dramatischen Entwicklung des Unternehmertums steht jedoch eine kleine Schar an Unternehmen, welche 100 Jahre, 200 Jahre oder älter sind[3] gegenüber. Definiert man, wie de Geus, Unternehmen als Lebewesen, so ist man im Anbetracht dieser Methusalem[4] sofort geneigt, diese zu untersuchen und eine Handlungsempfehlung für Unternehmen abzuleiten. Eine solche Anleitung hat de Geus mit seinem Buch The Living Company uns an die Hand gegeben, wobei ich an dieser Stelle, die von de Geus angemerkte Auswahlbeschränkung betonen möchte. Die in seinem Buch untersuchten Unternehmen entsprechen der damaligen Größe seines Arbeitgebers der Royal Dutch/Shell Group. Folglich wurden nur Unternehmen ausgewählt, die eine ähnliche Größe und Alter hatten. Die ursprüngliche Anzahl, welche identifiziert wurden, betrug nur 40 Unternehmen. In die eigentliche Untersuchung wurde jedoch lediglich 27 Unternehmen mit einbezogen. Unabhängig von diesen Einschränkungen ist eine Untersuchung dieser Methusalem ein wichtiger Schritt, um die aktuell geringe Lebenserwartung von Unternehmen zukünftig erhöhen zu können.

Lebensfähigkeit = Liquidität = Möglichkeit seinen Verpflichtungen nachzukommen.

Kindersterblichkeitsrate

Dem Ansatz von de Geus folgend, beträgt die Kindersterblichkeitsrate für die ersten beiden Lebensjahre 20 %. Auf Sicht von 10 Jahren jedoch 90 %. Diese hohe Sterblichkeitsrate wirft die Frage nach möglichen Ursachen auf. Um ein Gefühl für das zugrunde liegende Problem entwickeln zu können, möchte ich die folgende zentrale Aussage in den Raum stellen:

Nicht jede Idee, die in ein Geschäftsmodell überführt wurde, kann auch erfolgreich umgesetzt werden.

Mit dieser Aussage kommen wir bereits zu dem nächsten Aspekt, der Geburtenrate.

Geburtenrate

Unter der Geburtenrate in diesem Kontext verstehe ich die Anzahl an Neugründungen pro Jahr. Hierbei muss jedoch zwischen echten und unechten Neugründungen unterschieden werden. Während ich unter echten Neugründungen Gründungen von Visionären verstehe, sind unechte Neugründungen Gründungen durch Techniker. Während Erstere eine gute Chance auf eine hohe Lebenserwartung haben, ist dies bei Letzteren aus meiner Sicht nicht zwangsläufig gegeben. Dies begründet sich meiner Meinung nach damit, dass bei echten Neugründungen, die dem Geschäftsmodell zugrunde liegende Idee am Markt vor der Gründung getestet wurde, während dies im Fall von unechten Neugründungen nicht zwangsläufig der Fall ist.

Eine andere Definition von unechten Neugründungen ergibt sich aus der Statistik hinsichtlich der Unternehmensgröße nach 10 Jahren[5]. 2016 zählten rund 3,46 Millionen Unternehmen zu den KMU[6]. Davon waren rund 81 % Kleinstunternehmen (oder 2,8 Millionen) mit einem Umsatz oder einer Bilanzsumme von weniger als zwei Millionen €[7]. Geht man von einer ähnlichen Verteilung (80:20) aus, so setzen 2,24 Millionen Unternehmen weniger als 100.000 € um. Bei diesen Umsätzen würde ich eher von einem Job, als von einem Unternehmen sprechen. Und hier liegt für mich ein zu wenig beachtetes Problem. Die Mehrzahl der sich in diesem Umsatzbereich befindenden Unternehmen wurden von Technikern gegründet. Hierbei handelt es sich um Menschen, die von ihrem Naturell haptisch veranlagt sind. Damit meine ich Menschen, welche Dinge mit ihren Händen erschaffen und das Ergebnis am Ende des Tages sehen möchten. Der Techniker, so Michael E. Gerber, neigt dazu, die mit einer Unternehmensgründung einhergehenden planerischen und gestalterischen (im Sinne von visionären) Aktivitäten zu unterschätzen und läuft damit Gefahr sich zu verzetteln. Die Überlebensfähigkeit eines solchen Unternehmens hängt sehr stark davon ab, inwiefern ein Techniker sich dieser Tatsache bewusst ist.

Erwachsensein

Mit erreichen des 10. Lebensjahrs gilt allgemein ein Unternehmen als Erwachsen[8]. Da zum Erwachsensein auch dazugehört, von seinen Einkünften leben zu können, würde ich neben dem Unternehmensalter auch die Umsatzhöhe, welche zu diesem Zeitpunkt erreicht werden sollte mit einbeziehen. In Anlehnung an die Definition von KMU[9] würde ich hier die Grenze von 2 Millionen Euro heranziehen. Dieser zusätzliche Faktor hätte allerdings zur Konsequenz, dass rund 2,24 Millionen Kleinstunternehmen nicht zu erwachsene Unternehmen gezählt werden können. Dieser Aspekt sollte, wie bereits im vorherigen Abschnitt erwähnt, eine größere Beachtung innerhalb der Gesellschaft und vor allem Politik geschenkt werden. Nur wenn wir als Gesellschaft, durch entsprechende Maßnahmen die Lebenserwartung von Unternehmen von bisher 15 Jahren wieder erhöhen, stellen wir sicher, dass es uns als Gesellschaft weiterhin gut geht.

Selbstmord

Eine mögliche Ursache für das Scheitern von Unternehmen ist eine hohe Verschuldungsquote zu nennen oder umgekehrt eine konservative Finanzierung ist laut de Geus einer der Hauptgründe, wie Unternehmen ihre Lebensfähigkeit erhöhen können[10]. Im Sinne des postulierten Ansatzes von de Geus, entspricht nach meinem Verständnis eine hohe Verschuldungsquote einem Selbstmord auf Raten.

Altern

Je länger ein Unternehmen am Markt ist, desto mehr und mehr zeigen sich Alterserscheinungen. Diese zeigen sich unter anderem durch eine mangelnde Flexibilität des Unternehmens auf Veränderungen am Markt und in der Gesellschaft reagieren zu können. Diese Inflexibilität ist direkt korreliert mit dem Immunsystem des Unternehmens.

Immunsystem

Als Immunsystem des Unternehmens definiere ich die durch das Unternehmen definierten Werte, welche da tägliche Miteinander im Unternehmen bestimmen. Hierbei sind nach Edgar Schein[11] drei Ebenen zu unterscheiden (siehe Abbildung 2). Während Ebene 1 für mich gewissermaßen die Immunantwort des Immunsystems ist, befindet sich das eigentliche Immunsystem auf Ebene 2 und vor allem Ebene 3.

3-ebenen-modell

Abbildung 2 3-Ebenen Modell[12]

Demenz

Eine Fehlfunktion des Immunsystems vor allem bei älteren Unternehmen kann zu einem Verlust von Wissensträgern und damit zu Demenz führen.

Virenangriffe

Das Immunsystem eines Unternehmens wird tagtäglich mit neuen Ideen und Werten konfrontiert. Der Hauptüberträger von Ideen und Werten ist der jeweilige Mensch. Ziel eines jeden Unternehmers ist es folglich, das eigne Immunsystem zu stärken, um sich so besser schützen zu können. Dieser Schutz kann durch eine Impfung und Selektion erfolgen.

Impfung

Unter einer Impfung eines Unternehmens verstehe ich die gezielte Auseinandersetzung mit neuen Ideen und Werten. Dieses erfolgt auf zweierlei Art und Weise.

  1. Durch kritisches Denken. Vor allem das Denken in Systemen, sprich Zusammenhängen.
  2. Experimentieren mit diesen neuen Ideen und Werten, in einem geschützten Bereich (siehe Abbildung 3).

Hieraus ergibt sich eine für das Unternehmen wichtige Lernkurve. Nur wenn das Unternehmen dazu lernt, verhindert es mögliche Alterserscheinungen und erhöht damit seine Lebensfähigkeit.

stärkung des immunsystems

Abbildung 3 Stärkung des Immunsystems

Bei einer Impfung werden folglich gezielt Ideen und Werte ausgesucht und diese zunächst durch kritisches Denken bewertet und selektiert. Erst wenn die Bewertung für eine tiefer gehende Auseinandersetzung gegeben ist, werden diese in Experimenten getestet. Hierbei ist es wichtig, dass die gewünschten Ergebnisse so definiert werden, dass sie messbar sind. Stimmen die erwarteten Ergebnisse mit den gemessenen überein, so steht einer Annahme prinzipiell nichts im Wege. Allerdings bedeutet eine positive Übereinstimmung nicht zwangsläufig, dass etwas übernommen werden muss. Dies ist vor allem vor einem langfristigen Effekt zu bedenken.

Selektion

Während es sich bei Impfung primär mit einer aktiven Auseinandersetzung neuer Ideen und Werten handelt, zielt eine Selektion daraufhin, dass nur Menschen, welche dem eigenen Wertesystem (und damit kompatibel zum Immunsystem sind) entsprechen eingestellt werden. Hierbei hilft eine auf das Wertesystem ausgerichtetes Bewerbungsverfahren. Dieses Verfahren steht im starken Gegensatz zum traditionellen Bewerbungsverfahren, in welchem lediglich die beruflichen Fähigkeiten abgefragt werden. Selbst Assessment Center geben nur eine ungenaue Aussage über das Wertesystems wieder, sind jedoch ein Anfang.

Zusammenfassung

Der von de Geus postulierte Ansatz hilft, meiner Meinung nach, wichtige Aspekte des Unternehmertums in einem anderen Licht zu betrachten. Dieser neue Blickwinkel gibt uns die Möglichkeit die bisherig verwendeten Instrumente und Mittel, welche im Rahmen der Neugründung und des Aufbaus von Unternehmen verwendet werden weiterzuentwickeln, sodass die Lebenserwartung mittel- bis langfristig wieder erhöht werden kann.

Halten Sie auch ein Unternehmen für ein Lebenwesen? Schreiben Sie mir Ihre Meinung dazu unten in die Kommentare. Ich bin gespannt auf Ihre Sichtweise.

[1] Wikipedia | Lebenserwartung

[2] Lebenserwartung | Historischer Rückblick

[3] Wikipedia | Liste der ältesten Unternehmen

[4] Methusalem ist eine biblische Gestalt, welche 969 Jahre alt wurde. Methusalem steht damit für einen sehr alten Mensch oder im übertragenen Sinne Unternehmen.

[5] Nach 10 Jahren erreicht ein Unternehmen das Erwachsenenalter.

[6] ifm-bonn | Mittelstand

[7] KfW-Mittelstandsatlas 2018

[8] Quelle

[9] ifm-bonn | Definition KMU, HGB | Definition Größenklassen

[10] De Geus (1997) Seite 9

[11] Organisationskultur

[12] Edgar Schein | 3-Ebenen Modell